Wie Sprache unser Bild von der Welt formt: Restmüll vs. Landfill

Wie wir die Welt in Sprache wiedergeben, beschreibt sowohl unser Verhältnis zu ihr, wie es auch unser Handeln beeinflusst. Ich habe das schon mal am Beispiel der Häschen zum Streicheln bzw. als Schlangenfutter und auch am Glutamat dargestellt. Sehr praktische Auswirkungen hat dies in einem sensiblen Bereich, der unser Verhältnis zur Umwelt und unserem Konsumverhalten glasklar reflektiert: Abfallbezeichnungen.

In Deutschland gibt es den Gelben Sack, den Grünen Punkt, Papiermüll, Altpapier, Altglas, Sondermüll, Biomüll, Verpackungsmüll etc. Und dann gibt es noch eine große, entscheidende Kategorie: den Restmüll. Der Begriff sagt uns, dass seine Bestandteile nicht mehr verwendbar, verwertbar oder an andere weitergebbar sind. Verpackungen gehören nicht dazu (außer natürlich in Städten ohne Gelben Sack), und so bleiben eigentlich nur alte Gegenstände und Dinge, deren Benennung zu lang und aufwendig wird.

Die interessante Frage – ist der Rest noch für etwas gut, kann man damit noch etwas anfangen? Wie gesagt, in manchen Städten in Deutschland schon, in den meisten nicht, weil die wiederverwendbaren Sachen ja schon vorher wegsortiert wurden. Und ein Rest ist ja per se nichts Schlechtes. Reste sind oft genauso gut wie das, wo sie mal dazugehörten. Wäre also ein anderer Begriff dafür hilfreich, ein Name, der das schlechte Gewissen des Restmüllversenkers provoziert und zum Reduzieren motiviert? Bevor wir das beantworten schauen wir in andere Länder, wie die Kategorie dort genannt wird.

In Frankreich finden wir „déchets résiduels“, also ein echtes Äquivalent. In Italien wird nochmal differenziert: „rifiuti indifferenziati“ sind einfach ein gemischter Abfall, quasi eine Cuvée, während „rifiuti non riciclabili“ sich dadurch auszeichnen, dass sie nicht wiederverwertbar sind. In Portugal läuft es genauso.

Spannend und auch ein bisschen anstrengend wird es in Polen, denn dort wird alles in einen Begriff gepackt: „odpady nie nadające się do recyclingu“. Ob das im täglichen Leben wirklich verwendet wird? Die Nachfrage in Polen ergab: ja, tatsächlich. In Großbritannien gibt es den „residual waste“, im Konzept ähnlich dem Deutschen – was am Ende übrig bleibt.

Nun zu einem spannenden Sonderfall: In den USA heißt der Restmüll „landfill“. Das bedeutet, der Name sagt aus, welche Funktion der Müll hat: er dient dazu Unebenheiten in der Landschaft auszugleichen, er hat also eine positive Funktion, da er der positiven Gestaltung der Landschaft dient. Er füllt entweder Löcher (in die man nicht mehr fällt) oder er hilft sogar dabei Land zu gewinnen. Vielleicht ist es das amerikanische Machergen, das aus dem Begriff spricht – vielleicht einfach Pragmatismus. Oder es ist der Geist, der zu „wash one’s hands“ geführt hat, also klassischer Euphemismus. Soweit die hausgemachte Überlegung.

Compost Recycling Landfill
Drei typische Abfalltonnen in den USA als Set mit den Begriffen

Denn so kann man sich täuschen mit der semiotischen Deutung aus der hohlen Hand heraus. Übereinstimmend bestätigen verschiedene Amerikaner, dass der Begriff „landfill“ bei Ihnen klar negative Assoziationen auslöst, dass da Dinge in der Landschaft liegen, die uns viele Jahrhunderte oder länger erhalten bleiben werden. Für sie hat der Begriff überhaupt nichts Positives, und sie kennen auch keine positive Verwendung. Es ist einfach die Restekategorie, aber mit greifbarer Auswirkung auf die Landschaft bzw. unser Leben. Das ist die andere Seite.

Vermutlich sind nicht alle Amerikaner so umweltgewärtig. Vielleicht gibt es eine Mitte, wo man weder sehr positiv noch sehr negativ ist. Was man hier auf jeden Fall beobachten kann: Die Bedeutungsveränderung. Denn der Begriff „landfill“ war sicher, als er als Restekategorie für Abfall eingeführt wurde, positiv gemeint.

 

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