Namenssysteme in Alben – Teil I: Zahlen

Heute mal Musik, aber natürlich auch Namen: Wenn alles zusammenpasst, wenn die Namen aus einem Guss sind, wenn ein Album ein durchgängiges Titelkonzept hat.

Hab ich doch tatsächlich übersehen, dass Dominik Eulberg ein neues Album Ende letzten Jahres rausgebracht hat: Mannigfaltig. Cover und Liedtitel sind grandios – und um die geht es mir heute vor allem.

Eulberg Mannigfaltig CD-Cover
© !K7 Music

Die Liedernamen sind (natürlich mal wieder) der Natur entlehnt, mit dem Extra, dass alle eine Zahl enthalten. Die Gesamtzahl der Lieder entspricht wiederum der Buchstabenanzahl des Albumtitels, also 12. Respekt. Hier die Titel der zwölf Tracks:

  • Eintagsfliege
  • Zweibrütiger Scheckenfalter
  • Dreizehenspecht
  • Vierfleck
  • Fünffleck-Widderchen
  • Sechslinien-Bodeneule
  • Siebenschläfer
  • Goldene Acht
  • Neuntöter
  • Zehnpunkt-Marienkäfer
  • Elfenbein-Flechtenbärchen
  • Zwölfpunkt-Spargelkäfer

Und so sieht das in der formidablen Gestaltung auf der Rückseite aus:

Eulberg Mannigfaltig Cover Rückseite
© !K7 Music

In der englischen Übersetzung der deutschen Titel findet die Durchgängigkeit des Namenssystems natürlich ihre Grenzen. Auch deshalb führe ich es hier an. Egal ob Musiktitel, Lebensmittelsortiment oder Maschinenteile – die Themen bei der Namensfindung ähneln sich. Und damit wäre es eigentlich gut.

Aber da mein Interesse für das Thema der Zahlen in Liedtiteln geweckt war, recherchierte ich weiter. Lieder mit einzelnen Zahlen drin gibt es wie Sand am Meer: Song 2 von Blur, 42 von Coldplay, 17 von Smashing Pumpkins, Ten von Jimmy Eat World, 17 von Tocotronic, Song 3 von Robbie Williams, und Millionen weitere.

Mir ging es aber um weitere komplette Alben mit Zahlentiteln. Nicht die klassischen Konzeptalben, sondern wirklich die offensichtliche Einheit der Liedertitel. Ein hartes Brot. Immerhin wurden mir von Kennern zwei weitere, spannende Beispiele zugetragen. Das erste ist von der Münchner Riot Girl Band Candelilla, das 2009er Album ReasonReasonReasonReason. Nicht sehr hilfreich beim Merken, auch nicht besonders assoziationsstark, aber definitiv originell sind die Titelnamen bzw. ihre Reihenfolge:

  1. 11
  2. 13
  3. 17
  4. 4
  5. 14
  6. 1
  7. 10
  8. 18
  9. 15
  10. 19
  11. 16
  12. 12

Das zweite ist das Album „Der Lunsenring“ des Lunsentrios aus 2011, einem Projekt des Münchner Künstlers Hank Schmidt in der Beek. Die Titel erinnern stark an Candelillas Konzept gekreuzt mit Variationsklassikern wie den Diabelli-Variationen von Beethoven und garniert mit ein paar kuriosen Bildern, die sich an Liedtitel von Schubert oder Schumann anlehnen:

  1. Lunsen-Variation 1
  2. Lunsen-Variation 17
  3. Lunsen-Variation 12 (Der Gipskopf)
  4. Lunsen-Variation 13
  5. Lunsen-Variation 14 (Der müde Maler)
  6. Lunsen-Variation 8a (Auf dem Bike-Path nach Bristol)
  7. Lunsen-Variation 2
  8. Lunsen-Variation 3
  9. Lunsen-Variation 19 (Spät abends im Fichtekränzi)
  10. Lunsen-Variation 20
  11. Lunsen-Variation 5
  12. Lunsen-Variation 18
  13. Lunsen-Variation 8b (Auf dem Bike-Path nach Bristol)
  14. Lunsen-Variation 7
  15. Lunsen-Variation 9 (Die Cocktail-Party)
  16. Lunsen-Variation 15
  17. Lunsen-Variation 16
  18. Lunsen-Variation 4
  19. Lunsen-Variation 10
  20. Lunsen-Variation 11
  21. Lunsen-Variation 6

Doch damit nicht genug, es gibt noch mehr. Sigur Rós, die Altmeister aus Island, haben auch etwas im Angebot. Ihr Album ( ) von 2002 hat folgende Einzeltitel:

  1. Untitled #1 (Vaka)
  2. Untitled #2 (Fyrsta)
  3. Untitled #3 (Samskeyti)
  4. Untitled #4 (Njósnavélin)
  5. Untitled #5 (Álafoss)
  6. Untitled #6 (E-Bow)
  7. Untitled #7 (Dauðalagið)
  8. Untitled #8 (Popplagið)

Dabei erscheint die Klammer aus dem Albumtitel in den Untertiteln wieder. Auch ein schönes Muster. Für die besonders Interessierten: Die Untertitel in Klammern stellen Bezüge zu Dingen und Themen her, erweitern die Zahlendimension also inhaltlich stark.
Apropos Klammern: Die sind echt ein zeitgeschichtliches Dokument. Es gab einmal eine Zeit, da man Bedeutendes in Klammern schrieb, so sogar Überschriften. Damals wirkte das auf mich befremdlich und grotesk. Heute noch mehr.

Übrigens haben das Muster mit den innovativ verteilten Zahlen, ähnlich Candelilla und Lunsentrio, 2006 auch schon ¡Forward, Russia! auf dem Album „Give me a wall“ angewandt:

  1. Thirteen
  2. Twelve
  3. Fifteen Pt. l
  4. Nine
  5. Nineteen
  6. Seventeen
  7. Eighteen
  8. Sixteen
  9. Seven
  10. Fifteen Pt. ll
  11. Eleven

Auch in der Neuen Musik und Neueren Musik gibt es ähnliche und Konzepte. So hat Stockhausen eine sehr klare und technische Einteilung für sein Mantra gewählt. Es wird einfach nach Taktblöcken durchnummeriert. Stück 1 ist Takt 1-11, während Stück 14 von Takt 282-323 geht. Das bahnbrechende Kontakte dagegen wird einfach zweigeteilt in Teil 1 und Teil 2.
Ein ähnliches Konzept hatte John Cage bei seinen Sonatas and Interludes. Die durchnummerierten Sonaten in Blöcken werden von durchnummerierten Zwischenspielen unterbrochen bzw. eingeteilt.

Das war es aber mit den Zahlen. Um morphologische und semantische Muster in der Popmusik, aber auch in der (neueren) Klassik geht es im nächsten Teil dieser zweiteiligen Artikelreihe.

 

 

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