Netflix – Retrospektiv, hypothetisch, spekulativ

Heute mal ganz was anderes. Ein bestehender Name und die wunderbar hypothetische Frage, was die Alternativen gewesen sein könnten. Es geht um Netflix, das Streaming-Angebot aus USA.

Wofür Netflix steht? Aus der hohlen Hand heraus: für unbegrenzten Schaugenuss von Filmen und Serien „übers Internet“ (und nicht mehr per DVD in der Post, wie in den ersten Jahren). Um den jetzigen Namen einzuordnen, schauen wir uns in einem Gedankenexperiment an, was damals – vor 22 Jahren – zur Debatte gestanden haben könnte:

1. Kandidat: EMAILMOVIE
Weil da so eine schöne Alliteration drin ist. Wurde dann aber verworfen, weil nicht klar war, ob man immer per Email bestellen wird, ob Email je so leistungsfähig sein wird, um Filme zu übertragen. Und ebenso, ob es nicht vielleicht doch irgendwann so dicke Internetkabel gibt, dass das dann irgendwie so geht. An Luft dachten noch nicht alle 😉

2. Kandidat: SUPERFILM
Welcher Name hätte den Spirit und das Versprechen besser einfangen können? Wurde dann doch nicht genommen, weil alle an Superman dachten. Oder doch an Superdry? Oder weil es einfach supertacky klingt, so ganz ohne selbstironische Brechung (wie bei der bekannten Filmproduktion).

3. Kandidat: VIDEOONDEMAND.COM
Nach dem Motto „einfach mal die ganze Kategorie usurpieren“, also echter Pioneer Spirit. Logisch, aber langweilig, und letztlich äußerst unwirtschaftlich, für ein ganzes Genre Werbung zu machen. Eine gute Option, wenn man unfassbar viel Geld zum Fenster hinauswerfen muss. Leider nur eine virtuelle Option, denn 1997 wurden die Filme ja noch per Post verschickt, das Streaming begann erst 2007 …

4. Kandidat: DREAMVIDEO
So ähnlich wie Steven Spielbergs Dreamworks. Die Bezeichnung „altbacken“ wäre vermutlich sogar damals schmeichelhaft gewesen.

5. Kandidat: HAROLD
Klar, von Harold & Maude. Oder vom Meerschweinchen des Finanzvorstands. Vornamen sind ja immer wieder ein beliebter Kniff und heute en vogue wie nie. Sie sagen aber sehr wenig (wenn man wohlwollend ist) über den Service aus.

Und was ist nun mit dem Namen Netflix? Tja, aus heutiger Sicht kann man sicher sagen, keine schlechte Wahl, auch wenn jetzt gilt: Net and flix are soooo cliché! Das Netz im Namen ist keine Erwähnung mehr wert, da es omnipräsent ist. Und die Flix, also die Kinofilme, sind nur ein Teil des Angebots. Das neue Gold sind ja die Serien. Doch man muss auch bedenken, dass das Netz oder Netzwerk für Filme, das damals aufgebaut wurde, recht charmant den Technologiewechsel vom Postversand zur Leitungsübertragung überstanden hat.

So ist nach vielen Jahren der Stand vieler anderer Marken erreicht: der ursprüngliche Bedeutungsgehalt ist verschwommen, die aufgeladenen Markenwerte bestimmen die Wahrnehmung. Da bleibt nur zu sagen – weiter viel Erfolg!

 

Nachtrag: Charmanterweise kann man den hypothetischen Fabelteil noch um die Realität ergänzen. Einer der Netflix-Gründer hat ein Buch geschrieben, in dem er erklärt, wie alles begann. Dabei kommen noch ein paar weitere Faktoren zur Namenswahl ans Licht. Denn es geht nicht nur um Gefallen und Passen, sondern auch um so langweilige Fragen wie Verfügbarkeit von Domains, Marken, Firmennamen. Einen ganz kleinen Blick ins Buch „That will never work“ von Mark Randolph findet man hier (leider ohne die hier beschriebenen Alternativen 😉

2 Antworten auf „Netflix – Retrospektiv, hypothetisch, spekulativ“

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