Wie aus Kämpfern Schluffis wurden

Ändert der Name die Haltung zu etwas? Definitiv. Denken Sie an die kleinen Häschen und die zwei Bezeichnungen dafür:

Häschen - Kuscheln und Schlangenfutter

Soll man Dinge beim Namen nennen oder nicht? Es macht vieles klarer, und wohl deshalb gibt es eine Beschönigungstendenz bei harten / unangenehmen Worten. Sonst gäbe es ja auch den Euphemismus gar nicht 😉 und man würde in den USA zur Toilette gehen und nicht die Hände waschen. Aber im Ernst, und in Deutschland: Aus der Bundesanstalt für Arbeit wurde die Arbeitsagentur gemacht. Aus der Fettleibigkeit wurde die Adipositas – sicher nicht, weil wir alle auf einmal Ärzte geworden wären.

Und in der Geschäftswelt?

Aus den Konkurrenten eines Unternehmens wurden die Wettbewerber. Doch dabei blieb es nicht. Die Wettbewerber haben eine Evolution durchgemacht bzw. sie sind mutiert. Deshalb sollten wir sie genauer anschauen.

Kaum hatte man sich so um 2000 an die Wettbewerber gewöhnt und der Konkurrenz entwöhnt, da wurde aus ihnen wieder etwas Anderes – die Mitbewerber. Sie klingen noch einen Hauch egalitärer, demokratischer.

Doch auch dabei blieb es nicht. Selbst diese mussten sich „entwickeln“ – und so gibt es heute eine ganze Menge Marktbegleiter. Marktwas? Es klingt nach einem Flugbegleiter (der weiterentwickelten Einheit von Steward und Stewardess), nach Erfrischungen an den Platz bringen. Was eigenartig ist, geht es doch um Produkte und Firmen, die ähnliche Produkte an die gleichen Kunden verkaufen und sich damit gegenseitig ausstechen wollen. Mein Kuchen!

Bildlich sieht die Evolution so aus:

Vom Wettbewerber zum Marktbegleiter

In Bildern gedeutet

Stellen wir es uns mal bildlich vor: Konkurrenten rennen los und versuchen jeweils als erster am Ziel zu sein, stellen sich vielleicht sogar gegenseitig ein Bein. (Der Begriff hat sich in seiner deutschen Bedeutung von seiner lateinischen Wurzel schon ein paar Meter entfernt.)

Was machen Wettbewerber? Die Wettbewerber stehen am Start rum, haben Ihr Sportgwand an, aber sie reden miteinander und wollen sich ritterlich messen.

Bei den Mitbewerbern schwingt noch mehr Respekt für die anderen mit, noch weniger Wettkampf, noch weniger Gegnerschaft. Die trinken Freundschaft, scherzen, binden sich vielleicht gegenseitig die Schuhe (aber nicht überkreuz) und feuern sich an.

Ja und die Marktbegleiter? Die sind gemeldet auf einer Liste, laufen ein wenig nebenher, am besten neben der Bahn als Tempomacher. Sie nehmen am Wettbewerb eher teilnahmslos teil. Sie sind keine Protagonisten, eher Füllsel, halt jemand, der auch dabei ist, aber nicht wirklich wichtig. Denn um sie geht es nicht. Wann geht es denn je um den Begleiter? Wenn Franz Beckenbauer auftritt – geht es dann um ihn oder seine Begleitung?

Mir fallen nur zwei Erklärungen ein

  1. Wer von Marktbegleitern spricht, hat einen so abartig hohen Marktanteil, dass er die anderen gar nicht mehr als relevant oder ebenbürtig im Wettstreit ansieht, sondern eben das, wie er sie nennt: bemitleidenswerte Adabeis. Das ist sicher der Fall bei Facebook, Google oder Amazon.
  2. Bei Unternehmen mit einem kläglichen Marktanteil <50% hat der Begriff wenig Sinn, bzw. seine Bedeutung ist weit weg von dem, was bezeichnet werden sollte. Damit ist er nicht hilfreich. Oder kuscheln heute alle miteinander und kooperieren auf Teufel komm raus? Echt jetzt?

Ein dritter Erklärungsweg, der bei komischen deutschen Begriffen oft funktioniert, ist ja, dass sie aus dem Englischen stammen. An so etwas dachte ich hier auch. Allerdings waren die befragten Muttersprachler irritiert. Sie kennen bloß competitors, und das war es dann. Somit haben wir es hier wohl mit einer deutschsprachigen Innovation zu tun.

Die Begriffe, mit denen wir die Welt und auch die Menschen um uns herum bezeichnen, reflektieren unsere Haltung ihnen gegenüber. Vielleicht stehen alle eines Tages wieder dazu, dass sie am Markt nicht nur mitlaufen, sondern anderen ein Stück vom Kuchen wegschnappen wollen.

 

PS: Übrigens, beim Schraubenkönig Würth heißen die Konkurrenten sicher nicht Marktbegleiter 😉 Und das, obwohl hier die meisten nur staunend begleiten können.

PPS: Falls jemand weiß, wie bei Google, Facebook und Apple etc. die Wettbewerber bezeichnet werden, bitte in die Kommentare schreiben.

Birkenzucker – Wie ehrlich muss ein Name sein?

Gerade bei Lebensmitteln immer ein spannendes Thema ist die kreative Namensgebung für mehr Attraktivität. Manchmal könnte man es auch Irreführung nennen. Aufmerksame Leser erinnern sich an die hier vorgestellten Feldnüsse. Weil wir aber gerade beim Thema „kreative Gedankenlenkung“ sind. Haben Sie schon mal von Birkenzucker gehört? „Birkenzucker – Wie ehrlich muss ein Name sein?“ weiterlesen

Neuer Name für ??? – die Feldnüsse

Da soll noch einer sagen mit deutschen beschreibenden Begriffen könne man nix machen. Ich hatte ja schon über Foidhendln berichtet und über andere mehr oder weniger verschleiernde Begriffe in der Kulinarik, aber nun ist mir etwas Bemerkenswertes im Biomarkt untergekommen: Feldnüsse.

Feldnüsse kennt man so natürlich nicht, aber sie klingen bodenständig und naturnah, fast wild. Außerdem sind Nüsse ja per se hochwertig. Kurioserweise handelt es sich bei den Feldnüssen einfach um eine Umbenennung der Sojabohnen, wie es im englischsprachigen, kleingeschriebenen Untertitel auch heißt. Vielleicht verkaufen sie sich so ja besser.

Nach Umbenennung: Sojabohnen verkauft als Feldnüsse

 

Kuriose – und schöne – kulinarische Begriffe aus der Nähe

Ochsenaugn-Spiegeleier Bairisch-Deutsch

Es gibt ja bekanntlich ein Bairisch jenseits der Ästhetik des „mia biedan ins o“. Aus diesem Fundus habe ich einige kulinarische Exemplare herausgegriffen, die meinen Artikel zu erstaunlichen Bezeichnungen für Lebensmittel trefflich ergänzen. Auch hier wieder spannend, wie oft aus eher Unspektakulärem per Sprache etwas Vielversprechendes oder sehr Bilderreiches gemacht wird. Voilà:

  • Bärendreck: Ganz klar, das kann nur Lakritze sein
  • Bibergockel: So hieß er früher, heute hört er auf den Namen Truthahn
  • Blaswürscht: Heiße Kartoffeln (muss man blasen, da ja heiß)
  • Erdäpfel: Den Vergleich mit den Luftäpfeln hätten die Kartoffeln gar nicht nötig
  • Foidhendln: Wieder Kartoffeln (quasi die Hühner des Feldes)
  • Gansjung: Gänseklein (eher euphemistisch für Teile der Gans wie Hals oder Füße)
  • Hundshaar: Die feinen Fäden von Schimmel auf verderbenden Speisen
  • Kronfleisch: Das Zwerchfell eines Tieres wie Kuh oder Pferd (so benannt nach seiner Form oder weil es so fein ist?)
  • Ochsenaugn: Eigentlich leicht gruslig, denn das sind natürlich Spiegeleier
  • Ochsengurgeln: Die Schaumrolle, ein süßes Konditorprodukt

Vielleicht fragen Sie sich, wie ich auf die Begriffe gestoßen bin oder ob die alle in meinem aktiven Wortschatz sind. Das sind sie (leider) nicht alle. Manche waren im Kopf, auf andere bin ich bei den Recherchen zu einem Projekt gestoßen, bei dem Bairisches Deutsch eine wichtige Inspirationsquelle war – jenseits des unseligen „mia san ned von do“. Dank für Inspiration und Information geht an Franz Ringseis für sein „Neues Bayerisches Wörterbuch“ und an Ludwig Zehenter für „Bairisches Deutsch“.

 

PS: Mehr Kulinarisches finden sie auch im Artikel Essen anders benennen.

 

Erstaunliche Namen für Essen – kreative Umbenennung

Wer kennt sie nicht, die Beispiele für Lebensmittelnamen, die haarscharf an der Wahrheit entlangschrammen? Der Buntbarsch ist ein Tilapia, das Chicken of the Sea ein Thunfisch. Diese Namen sind extra für die Vermarktung kreiert worden. Es gibt aber Begriffe, oft historisch, die Dinge blumiger beschreiben, auch beschönigend, manchmal verehrend – und natürlich auch die zwischenmenschliche Vermarktung unterstützend, machen wir uns nichts vor. Aus dieser Kategorie habe ich eine Kollektion von 7 schönen Begriffen, Ergebnisse kreativer Umbenennung, für Sie zusammengestellt:

  • Hauswild … steht traditionell im Chinesischen für ein sehr feines Nagetier, die Ratte.
  • Der Honig der Erde … repräsentiert im Irischen die wunderbare Karotte.
  • Das Ackerhuhn – wer hätte es erwartet – steht in China für den doch gut verspeisbaren Frosch…
  • Donaulachs ist einfach die analogieziehende, deutsche Alternativbezeichnung für den Huchen.
  • Kniffliger ist Rindfleisch spezial: Es kennzeichnet in Hongkong auf der Speisekarte den besten Freund des Menschen.
  • Vierflügliges Geflügel – wie Aristophanes Insekten (für den Verzehr) bezeichnete.
  • Die Ananaskirsche / Kapstachelbeere / Erdkirsche, mit denen man früher eine  Blasenkirsche bzw. heute eben Physalis bildhaft zu benennen versuchte.

Gerne nenne ich die Quelle dieser schönen Beispiele. Es ist Waverly Roots Klassiker „Wachtel, Trüffel, Schokolade“, den ich jedem, der an Essen und Lebensmitteln interessiert ist, nur ans Herz legen kann.

 

PS: Mehr zu regionalen Begriffen aus der Essenswelt hier.